Nach nun ziemlich genau einer Woche in Shanghai, habe ich mich langsam richtig gut eingelebt. Der Jetlag ist überstanden und die Stadt auch schon zum Teil erforscht. Da mein Praktikum erst am Donnerstag beginnt, hatte ich bis jetzt viel Zeit mich nach Lust und Laune durch die Stadt treiben zu lassen.
Ich kam direkt zur Zeit von Chinese New Year hier an, was bedeutete, dass die Stadt die ersten Tage wie ausgestorben wirkte. Die meisten Geschäfte und Straßenstände waren geschlossen und selbst ein leicht bläulicher Himmel war von Zeit zu Zeit zu erkennen, da die wenigen Autos auf den Straßen die übliche, dicke, graue Smogdecke nicht alleine aufrecht erhalten konnten. Das hat sich nun seit ungefähr drei Tagen alles wieder geändert. Die Viertel sind belebt und voll und vor allem in den Straßen stauen sich die Autos schon wieder.
Der Straßenverkehr stellt hier wirklich eine ausgesprochen große Herausforderung da, um nicht zu sagen eine echte Gefahr. Die einzige echte Verkehrsregel, die zu existieren scheint, ist die, dass Autos und Roller schlichtweg stärker sind als ein armer, kleiner Fußgänger. Ampeln werden vor allem von Abbiegern überhaupt nicht beachtet, was dazu führt, dass man sich für den Anfang am besten direkt hinter Chinesen klemmt, die das Straßengeschehen ganz anders verinnerlicht haben als zum Beispiel ich.
Das wirkliche Problem stellen aber die kleinen Motorroller da, die auch gerne auf Fußwegen und durch schmalste Gassen rasen und einfach alles an hupen, was auch nur annähernd in ihrem Weg steht. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass die Roller auch nicht auf die Idee kommen würden irgendwelche Energie für Beleuchtung zu verschwenden und daher auch in tiefster Nacht ohne Licht um die Ecken knallen.
Naja gut die Unfallquote ist trotz dieses Verkehrs aus irgendeinem, mir unverständlichen, Grund relativ niedrig, daher werde auch ich das hoffentlich verletzungsfrei überstehen.
Es hat aber auch so einige Vorteil, dass das Leben in Shanghai wieder in fahrt kommt. Offene Geschäfte sind dann doch deutlich interessanter als geschlossene und sorgen dafür, dass ich inzwischen auch endlich zwei meiner Leidenschaften nachkommen konnte: Leckere Dumplings an jeder Straßenecke und billige DVDs. Die erste Staffel Boardwalk Empire ist schon verschlungen und wirklich zu empfehlen.
Meine Mitbewohnerin Tin hat mir auch schon einen ersten, kleinen Einblick in das Shanghaier Nachtleben ermöglicht. Wir waren in einer netten Bar/Club zur Ladies Night, was hier wohl jeden Abend in einem der angesagten Clubs ist. Das erste Highlight für mich war die Tatsache, dass fast alle Clubs freien Eintritt haben und man daher anders als in Deutschland problemlos von einem Club in den nächsten ziehen kann. Beim feiern scheinen sich die Westler und die Chinesen am ehesten voneinander abzugrenzen und auch der Laden in dem ich war, war voll von Westlern und foreign born chinese. So kam man aber schnell mit netten Leuten ins Gespräch und ich hatte einen wirklich unterhaltsamen Abend. Das einzig negative war wohl, dass die Getränke in den Clubs genau das gleiche Kosten wie in Deutschland...
Nachdem das Viertel um meine Wohnung weitgehend erkundet war, habe ich mich am Sonntag dann das erste Mal in Richtung Zentrum aufgemacht. Am People’s Square angekommen, sah ich eine riesen Menschenansammlung im Eingang eines Parks und wollte natürlich rausfinden was da los war. Ich war ohne es zu wissen genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort; ich war auf dem allsonntäglichen Shanghaier Heiratsmarkt gelandet. Ich hatte schon in Deutschland darüber gelesen, doch es live mit zu erleben war schon besonders. Kurz zur Erklärung: Shanghaier Eltern treffen sich einmal die Woche, um passende Partner für ihre Kinder zu finden. Die Kinder sind nicht dabei und wie ich hörte häufig nicht einmal einverstanden, was die Chinesischen Eltern aber nicht davon abhält. Die Eltern haben alle kleine Steckbriefe ihrer Kinder dabei, die sie dann mit den Steckbriefen möglicher Partner vergleichen.
Chinesischer Heiratsmarkt
Ich konnte leider den Großteil der Steckbriefe nicht verstehen, doch die Zahlen waren zum Teil sehr eindeutig. Größe, Gewicht, Schuhgröße, Alter, Einkommen und Handynummer waren also auch für mich sichtbar.
Als junger Westler war ich sofort von einigen Eltern umringt, die mich baten mir doch einmal die Steckbriefe ihrer Töchter anzuschauen. Ein paar mutige mit Brocken von English versuchten mir dann sogar persönlich ihre Töchter schmackhaft zu machen.
Ich habe mich aber glücklicherweise gerade noch so vor einer baldigen Hochzeit retten können.
Nach diesem doch sehr merkwürdigen Erlebnis ging mein Rundgang durch die Stadt dann durch die Haupteinkaufsstraße (wo man an jeder Ecke angesprochen wird, meistens mit den Worten „Buy Lolex, good shopping“) über den wunderschönen Bund, wo ich mehrfach für Fotos mit irgendwelchen Chinesinnen posieren musste, bis hin zum bekannten Yu Garden (in dessen Zentrum steht das Teehaus mit der eckigen Brücke, dass sie in Hamburg gerade nachgebaut haben). Dort war noch die komplette Deko vom Frühlingsfest zu sehen. Das Frühlingsfest wurde dieses Jahr übrigens von Pepsi gesponsert .




Wie ihr hört ist mein Einstieg ins Leben in der Ferne doch einigermaßen gut geglückt und wenn jetzt das Wetter noch besser wird und auch die Wohnung die 10° C (übrigens nachts nur mit einer elektronischen Heizdecke zu überstehen) Marke übersteigt, werde ich mich wahrscheinlich noch ein bisschen wohler fühlen.
Das nächste Mal gibt es dann hoffentlich positive, erste Infos zu meinem Praktikum.
Bis dahin viele Grüße aus dem Reich der Mitte (ne Finn :P)

Also über E-Mails wird sich hier natürlich auch jederzeit sehr gefreut (bitte an meine hamburg.de Adresse schicken).